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 -Monatliche Musikanalysen-


 

№ 7: Mandy & Booka Shade - Body Language (Jona Rmx)

Blog mit Musikanalysen

Dieser Remix von “Body Language” sticht deswegen heraus, weil Jona hier die ganze Zeit über eigentlich nichts anderes tut als die Melodie hoch und runter zu spielen ohne das es langweilig wird. Eigentlich

würde mir das wie ein Ding der Unmöglichkeit vorkommen aber er schafft es tatsächlich ganze 8 Minuten mit einer Melodie auszufüllen. Er erreicht das vor allem durch ein ständiges Wechseln der Klangfarbe der

Melodie sogar auch innerhalb der Melodielinie. Das war schon in der Renaissance ein wichtiges Stilmittel und wurde dort als Varietas bezeichnet. Dabei entstehen auch noch interessante Ideen wie das

rhythmische Untermalen der Melodie mit geräuschhaften Wischgeräuschen, was diese ständige Varianz fördert. Man darf aber auch nicht vergessen, dass die Melodie einen so großen Ohrwurmcharakter hat, dass es auch tatsächlich möglich ist, dieselbe bis zum Erbrechen zu wiederholen ohne,

dass dasselbe notwendig wird…

 

 

№ 6: Fließende Rhythmen

Im oben eingefügten Track wird ein eigentlich sehr klassischer Beat verwendet, der hier in Kombination mit dem Bass wunderbar zu fließen beginnt. Mich stört aber an diesem Rhythmus die im Takt nur einmal und sehr spät auftretende Snare/ Clap, die den Beat immer wieder abbremst bzw. kurz abstoppt. Ich würde mir einen Rhythmus wünschen, der mehr fließt und über die Takte hinweg nicht unterbrochen wird.


Wie man es zum Beispiel im unten eingefügten Song von Busta Rhymes findet:

Sehr interessant wie die Kick (also der merkwürdige Bass mit kleinem Auftakt) in den Strophen nur auf der 1 kommt und dann die Claps immer nur auf den unbetonten Zählzeiten.  Über den ganzen Takt hinweg muss die Energie weitergehalten werden, was hier durch Busta Rhymes Rap und die melodischen Atmo- und Flötenklänge im Hintergrund erreicht wird. Da das Tempo des Tracks so langsam ist, entsteht außerdem der Eindruck, dass die Claps auf den betonten Zählzeiten spielen, weil der Bezugspunkt verschwindet.

 

 

№ 5: Sehnsucht als musikalisches Mittel

Die oben eingefügten Tracks haben alle etwas gemeinsam: sie beinhalten ein Pad, einen Bass oder eine kleine Melodielinie, die sich sehr weit im Hintergrund befindet, aber eine tragende Rolle spielt. Das Schöne an diesen Waves (so will ich sie der Einfachheit halber nennen)  ist, dass sie durch einen leichten Hall oder  Filterung nie wirklich in den Vordergrund treten, aber trotzdem nicht so unscheinbar sind, als dass sie nicht wichtig wären. Man wünscht sich deswegen (zu mindestens geht es mir so) dass diese Waves nach vorne kommen und sich endlich richtig zeigen. Aber dies passiert nicht, also bleibt nur die Sehnsucht danach, die erst dadurch so interessant ist, weil sie nicht erfüllt wird.


Im ersten Track von Noisia hört man besonders im Break ein diffuses Pad, das sich ohne Veränderung durch das ganze Stück zieht. In “Imagine” von Moleman ist die Wave offensichtlich, bei “Aaron” von Paul Kalkbrenner ist sie nicht mit der Hauptmelodie zu verwechseln und kommt erst bei 1:40 langsam dazu.

Auch “Archangel” von Burial beinhaltet eine klar erkennbare Wave und bei “What u need” von Calibre findet sich das Prinzip zu mindestens etwas im sanften Subbass wieder, der auch nie so richtig aus seiner Deckung aufzubrechen scheint.

 

 

№ 4: Ioka - Eccomi

Ich habe mir für die Musikanalyse diesen Monat mal etwas anderes überlegt. Bei Splice kann man seine Tracks mit einzelnen Stems hochladen und diese kommentieren. Dadurch wird eine genauere Analyse möglich. Ich würde gerne bekanntere elektronische Musik auf diese Weise besprechen, nur wird es mir rechtlich nicht möglich sein, diese selbst auf die Plattform zu laden. Deswegen fange ich erstmal mit einem eigenem neuen Track an und schaue mal, was es vielleicht noch für Möglichkeiten gibt.

Im Player kann man die einzelnen Spuren Solo hören und in die Kommentare reinschauen.

Eccomi (ital. "Da bin ich") ist ein recht komplexer und vielfältiger Track geworden. Besonders zufrieden bin ich mit der Verbindung aus eher poppig gängigen Melodien/ Rhythmen mit ziemlich schrägen und experimentellen Formteilen. Entstanden ist das Ganze in Bitwig mit unzähliger Automation und hauptsächlich dem neuen Phase 4 Synthesizer.

 

 

№ 3: Praful - Sigh

Diesen Track habe ich in einem Café entdeckt und nach stundenlanger Suche durch etliche Lounge - CD's dann zum Glück auch finden können.


Die anfänglichen Streicherakkorde haben mich so verblüfft, und zwar das ganze Stück über, dass ich unbedingt dieses Lied mit in meinem Blog nehmen wollte, obwohl hier gar nicht soviel dazu zu sagen ist.


Auffällig am Anfang ist, wie erst beim Einsetzen des Beats die Position der Streicher im Takt erkennbar wird. Die ganze Zeit hat man ein anderes Gefühl, wo genau sich die Streicher rhythmisch einordnen, erst wenn der Beat einsetzt, entsteht ein anderer Eindruck. Immer wieder ein sehr schöner Effekt, wie ich finde.

Erstaunlich gut ist es hier gelungen mit wenigen Mitteln, solche Kraft zu erzielen. Für mich stehen die Streicher komplett im Mittelpunkt. Auch wenn das Saxophon Solo kommt, ist mein Fokus nur auf dieses “Atmen” gerichtet, auch wenn es zum hunderstenmal wiederholt wird. Hier wurde ein Element so geschickt ausgewählt und angeordnet, dass alles andere fast zur Nebensache wird. Ein zusätzlicher Punkt wieso die Streicher so eine tiefe Wirkung erzielen ist sicherlich, die Ähnlichkeit zu spezifisch menschlichen Ausdrucksweisen. Bei diesem Beispiel sicherlich die Ähnlichkeit zu einer atmenden, beruhigenden Geste.

 

 

№ 2: Noisia & Hybris - Crystalline

Zu diesem für Noisia ungewöhnlich ruhigem Track möchte ich nur einige Punkte besprechen. Erstaunlich wie es Noisia gelungen ist, die ganze Zeit des Intros über die “Melodie” bzw. den Hook des Tracks zu bringen, diesen aber,  wenn der Drop kommt, unverändert zu lassen, ohne, dass das Ganze langweilig wird. Interessant ist hier vor allem, wie einige Takte lang die Melodie beibehalten wird, dann aber abbricht und durch Hinzufügen neuer rhythmischer Elemente und Verstärkung des Grooves ein Effekt erzielt wird, den man als “Durchführung” bzw. Ausarbeiten der Elemente bezeichen könnte. Für mich lässt sich das als ein Gefühl wie “jetzt geht's richtig los” beschreiben.


Schön ist auch die äußerst feine Ausarbeitung der kleinen rhythmischen Shakes und Hi - Hats und auch der ungewöhnlichen Melodie, die auch in kleinen Stücken im Beat wieder zu finden und so nicht nur simpel dem Rhythmus übergeordnet ist. Dies ist so sensibel ausgestaltet, dass für mich diese Elemente einen stark menschlichen und natürlichen Charakter bekommen, wie als wenn sie selber leben und sich entwickeln würden.

Im Break wurde ein schöner Effekt dadurch erzielt, dass die Melodie langsam durch verschiedene Mittel ausgefadet wird und man so das Gefühl bekommt, als wäre dies schon das Outro und deswegen der 2. Drop umso überraschender und kunstvoller wirkt.


Der zweite Drop bedarf zudem besonderer Aufmerksamkeit. Als der Beat einsetzt, hört man nur den ersten Schlag und danach eine kurze schwebende Pause im Beat. So lässt sich gut eine Wirkung ähnlich wie Luft holen oder Luft einatmen erzielen, wiederrum ein höchst menschlicher Effekt.


Insgesamt wird dem Noisia - Kenner auffallen wie es ihnen gelingt, selbst in so einem gänzlich ruhigerem Gebiet der elektronischen Musik trotzdem durch extrem hohe Virtuosität und Sensibilität zu brillieren. Meistens stellt die Musik von Noisia das komplette Gegenteil dieses Liedes dar, nämlich unglaubliche Klangwelten und extrem fette Bässe, die in faszinierend virtuoser Weise einem ins Ohr gehämmert werden. Noisia spiegelt somit immer auf beeindruckende Weise den Stand der Technik im Drum and Bass oder sogar in der gesamten elektronischen Musik dar.

 

 

№ 1: Future Sound of London - Cascade Part 4

 

Dieser sehr schöne Track von Future Sound of London hat mich so stark beeindruckt und beeinflusst, dass ich drauf und dran war einen Brief an die Produzenten zu schicken. Durch die riesigen galaktischen Hallräume, die wunderschönen Atmos und Waves im Hintergrund, der perfekt quantisierte Beat und die extrem simple Struktur und Form, gehört es zu den wichtigsten Tracks in meiner Sammlung!

Cascade Part 4

Ich will bei diesem Track nur auf einen Aspekt eingehen und zwar die Gegenüberstellung von kontrastierenden Elementen. Einer sehr seichten "rosa bis pinken", romantisch kitschigen Atmo/ Melodie wird ein extrem massiver Beat gegenüberstellt. Jedes Element ist für sich entweder zu kitschig oder zu heftig, erst in der Gegenüberstellung verbinden sie sich zu einer Einheit.

Der Gegensatz, der Beides wieder ausgleicht, lässt Spannung entstehen.


Auch beachtenswert ist die Stelle an der die Harmonien etwas eingetrübt werden und die Klangwelt ein wenig ins Düstere driftet. Dadurch wird das Wiedereinsetzen der “Rosa-Atmos” umso schöner und außerdem bringt es eine leichte Veränderung ins Formschema. Die Wirkung ist so simpel und offensichtlich, erhält aber gerade dadurch diese absolute Stringenz und Kraft die dem ganzen Stück innewohnt.